Rauhnächte

Am 24. Dezember um Mitternacht beginnt die Zeit der Rauhnächte. Zwölf Nächte um den Jahreswechsel, denen im europäischen Raum seit Jahrhunderten eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Wir denken dabei an eisige Winternächte, Schneetreiben, gruselige Gestalten, die Perchten und das Winteraustreiben. Hexen, Geister und Dämonen treiben sich umher und spuken um die Häuser.

Nacht der LichterDie zwölf Nächte zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar (immer von Mitternacht zu Mitternacht gerechnet) stehen für eine Zeit des Übergangs. Eine “Zeit dazwischen” – zwischen Licht und Dunkel, Alt und Neu, Vergangenem und Künftigen, die Zeit zwischen den Jahren. Nicht umsonst wurden diese Tage und Nächte von unseren Vorfahren als Geschenkte Zeit betrachtet. Basieren die Rauhnächte doch auf einer Zeitdifferenz zwischen dem Mondjahr, das auf Basis der 12 Mondphasen mit jeweils 29,5 Tagen (von Neumond zu Neumond) auf 354 Tage kommt und dem mit 365 Tagen um 12 Tage längeren Sonnenjahr. Dieser Entwicklung vorausgegangen sind regionale Unterschiede in der Zeitrechnung aufgrund verschiedener Religionen und Kalender-Reformen. So begann das Neue Jahr im alten Rom beispielsweise am 1. Januar, zu Zeiten der Karolinger (8.-11. Jahrhundert) am 25. Dezember und im christlichen Europa erst am 6. Januar (Dreikönigstag, Epiphanie). RauhnachtKein Wunder also, dass diese Zeit seit jeher eine geheimnisvolle, mystische, aber auch verunsichernde Wirkung auf die Menschen zeigte. Man glaubte, die Tore zur Anderswelt stünden in dieser Zeit offen. Das Reich der Seelen der Verstorbenen öffne sich und die Geister hätten Ausgang, heißt es; die unerlösten Seelen verlangten nach Ausgleich und Gerechtigkeit. Mit Bräuchen und Ritualen versuchten die Menschen, nicht nur Haus und Hof zu beschützen, sondern auch das Vieh, das in den ländlichen Regionen häufig die einzige Lebensgrundlage war. In den langen harten Wintern musste man mit den Vorräten gut haushalten. Das Feuerholz reichte oft nicht aus, man hatte kaum Möglichkeit, Nahrung in der Natur zu finden und war Krankheiten sowie Plünderungen und Raubzügen häufig schutzlos ausgeliefert. Es galt also, die bösen Geister und Dämonen zu vertreiben, Unglück abzuwenden, die Naturgewalten gnädig zu stimmen.

Unsere Vorfahren lebten noch viel stärker an den Rhythmus der Natur angepasst, hatten sie doch weder Strom noch Heizung und konnten keine Lebensmittel im nächsten Supermarkt oder im Internet kaufen. Im Einklang mit der NaturMan war eng verbunden mit der Natur und ihren Kräften. Die Menschen konnten sich Naturphänomene nicht erklären und lebten daher im Glauben an Naturwesen und -geister. Sie versuchten, im Einklang mit der Natur zu sein und die guten Seelen und geliebten Ahnen zu huldigen, um gute Ratschläge, Segenswünsche und Voraussagen zu erhalten. Glaube und Aberglaube vermischten sich mit spirituellen Erfahrungen und begründeten zahlreiche Rituale, um das Schicksal positiv zu beeinflussen. Es wurde nicht gearbeitet, die Räder, z.B. Mühlräder oder Spinnräder, hatten still zu stehen. Es sollte sich nur ein einziges Rad drehen – das Schicksalsrad. Dafür feierten die Menschen, hielten Rückschau und orakelten gleichzeitig die Zukunft.

Viele Bräuche, die uns heutzutage selbstverständlich erscheinen, basieren auf den heidnischen Ritualen zur Wintersonnwende am 21. Dezember und haben nur deshalb überlebt, weil sie in kirchliche Riten eingebunden wurden. Beispielsweise unser Weihnachtsbaum, der auf den heidnischen Brauch zurückgeht, einen immergrünen Tannenbaum als Symbol für ewiges Leben aufzustellen.

Das Traumdeuten und Orakeln zählt zu einer Jahrhunderte alten Tradition, wie auch das Bleigießen , das bereits im alten Rom gepflegt wurde und eine der ältesten Formen der Wahrsagung ist. Heiler und Führer alter Stämme wurden nach der Zukunft befragt. Man erzählte sich Märchen und Legenden am Feuer.

BaumgeistMänner verkleideten sich mit wilden Fellkostümen und Dämonen-Masken, um die bösen Dämonen zu vertreiben. In der wichtigsten Rauhnacht, der sogenannten “Perchtnacht” bzw. “Hollanacht”, also der Nacht vom 5. auf den 6. Januar, finden auch heutzutage vielerorts noch die Perchtenumzüge/-läufe statt. Man sagt, diese Nacht hüte einen ganz besonderen Zauber, schließen sich am darauffolgenden Tag doch die Tore zur geistigen Welt wieder für ein ganzes Jahr. Die Perchtenläufe gehen in der Tat auf den heidnischen Brauch des Winter- und Dämonen-Austreibens zurück, wenngleich die Ursprünge dieser Tradition bei all den heutigen Touristenevents weitgehend in den Hintergrund geraten, wie beispielsweise beim Krampuslauf am 13. Dezember 2015 in München.

Die “Perchta” oder “Frau Holle” (bedeutet “die Holde”) zählen übrigens zu den zentralen Figuren in der Rauhnachts-Tradition, und das lange bevor Frau Holle von den Gebrüdern Grimm in ein Märchen gepackt wurde. Diese als eine Art Gottheit dargestellte Frauenfigur gilt im Volksglauben als Anführerin der “Wilden Jagd”, dem Dämonen-Heer also, das in den Rauhnächten sein Unwesen treibt. Sie trägt sowohl das Böse, als auch das Gute in sich; schenkt Leben, behütet die Kinder und das Licht, belohnt die Fleißigen, bestraft allerdings gleichzeitig die Faulen.

Mit der Christianisierung in Europa wurden den heidnischen Bräuchen und Riten ein christliches Gewand umgelegt. Somit musste das einfache Volk sein Brauchtum nicht aufgeben und sollte sich besser mit dem neuen christlichen Glauben identifizieren können. RäucherritualDie Verbindung zum Leben Jesu Christi und eine angepasste Symbolik sollte dann im 8. Jahrhundert die Rauhnächte zu “Weihe-Nächte” werden lassen und das Hochfest der Geburt Christi schließlich durch eine Anordnung Karl des Großen zum christlichen Weihnachtsfest.

Zu den ältesten und traditionellsten Riten zählt auch das Räuchern, das über die Jahrhunderte hinweg einerseits einen sehr pragmatischen Ansatz hatte, nämlich die desinfizierende und reinige Wirkung vieler Kräuter und Heilpflanzen. Andererseits spielen symbolische und sakrale Aspekte eine wichtige Rolle, wie die Beschwörung von Schutzgeistern und Ahnen sowie der Kontakt zur geistigen Welt, was wiederum von der Kirche aufgegriffen wurde. Rauhnachts-AbendSo ist das Räuchern mit Weihrauch, also dem “geweihten Rauch”, seit mehr als 1.400 Jahren ein Element der christlichen Messe.
Räuchern wirkt im übrigen auch stimmungsaufhellend, soll Ruhe und Gelassenheit fördern, Sorgen und negative Gedanken vertreiben sowie Schmerzen lindern – je nach Räuchersubstanz.

Geräuchert haben wir auch am Rauhnachts-Abend von Kummerloswolke am 22. Dezember 2015 mit einem wunderschönen Räucherritual, bei dem wir unseren Liebsten und denen, die von uns gegangen sind gedacht haben und Segen sowie Wünsche an uns selbst und an alle da draußen gesendet haben. Es war ein wunderschöner, magischer Abend.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und eine wunderschöne “Geschenkte Zeit” zwischen den Jahren.

Alles Liebe wünscht Euch
Sandra

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